Geben wir unseren Worten mehr Gewicht!

Täglich führen wir Gespräche – auf vielfältige Weise. Digital oder von Angesicht zu Angesicht, im Berufsleben, in der Familie, unter Freunden, auf der Straße. Doch was sagen wir eigentlich dabei? Wie viel von dem, was wir reden, ist wirklich wesentlich, tragfähig und nachhaltig? Und wie viel davon ist belanglos?

Der rumänisch-französische Dramatiker Eugène Ionesco hat diese Erfahrung auf eindrückliche, geradezu absurde Weise in seinem Theaterstück „Die kahle Sängerin“ dargestellt. Zwei Ehepaare unterhalten sich scheinbar ganz selbstverständlich miteinander. Sie sprechen viel – und sagen doch erstaunlich wenig. Die routinierten Gespräche verlieren sich in Belanglosigkeiten und enden schließlich in einer grotesken Absurdität. Sicher kennen auch wir solche Gespräche. Worte können viel Raum einnehmen und dennoch wenig Gewicht haben.

Ganz anders klingt der Monatsspruch für Oktober aus dem Galaterbrief. Paulus schreibt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“ (Galater 5,1)

Freiheit ist ein kostbarer Begriff. Vielleicht wird uns das besonders bewusst, wenn wir Gefahr laufen, Freiheit zu verlieren. Wenn von außen Gesetze, Normen, Regeln oder Maßstäbe gesetzt werden, die Menschen als ein Joch empfinden.

Auch unsere Gesellschaft erlebt solche Spannungen. Nationalistische Vorstellungen gewinnen in vielen europäischen Ländern wieder an Bedeutung. Wo Nationalismus Menschen in „Wir“ und „die Anderen“ einteilt, entstehen Grenzen und Barrieren. Die einen werden aufgewertet, andere ausgegrenzt. Aus Unterschieden können Gegensätze werden, aus Gegensätzen Feindschaft.

Ein solches Denken ist Paulus fremd. Für ihn hat das Christusgeschehen eine andere Richtung: Es überwindet Trennungen. Christus führt Menschen zusammen, die nach Herkunft, sozialem Stand oder gesellschaftlicher Stellung voneinander getrennt sind. Er stiftet Frieden und eröffnet einen Raum, in dem Freiheit möglich wird.

Darum ist dieses Wort des Paulus alles andere als belanglos: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Es ist ein Satz, der uns als Christinnen und Christen herausfordert. Denn Freiheit bedeutet bei Paulus nicht einfach, tun und lassen zu können, was man möchte. Sie bedeutet Befreiung von dem, was Menschen bindet, einengt und voneinander trennt. Paulus weiß zugleich, wie leicht wir den Halt verlieren können. Wie schnell wir uns von den Strömungen unserer Zeit mitreißen lassen. Deshalb sagt er: „So steht nun fest.“

Das klingt wie eine Aufforderung, sich neu zu verankern. Nicht in politischen Ideologien, nicht in gesellschaftlichen Feindbildern – aber auch nicht in einer Religion, die Menschen durch Angst, Verbote und fragwürdige Regeln bindet.

Denn auch Religion kann zum Joch werden, wenn aus dem Glauben ein System von Vorschriften entsteht, das Menschen klein macht. Wenn beispielsweise behauptet wird, ein Gebet im Liegen könne von Gott nicht erhört werden. Oder wenn religiöse Regeln darüber bestimmen, ob jemand an einem bestimmten Tag nähen, kochen oder anderen alltäglichen Tätigkeiten nachgehen darf.

Paulus erinnert uns daran: Christus befreit. Auch der Glaube soll nicht zu einer neuen Knechtschaft werden. Darum ist sein Wort eine Einladung, genau hinzuhören: Welche Worte bestimmen unsere Gespräche? Welche Gedanken prägen unser Handeln?

Vielleicht dürfen wir deshalb manchmal weniger reden und dafür Wesentlicheres sagen. Worte, die tragen. Worte, die Frieden stiften. Worte, die Menschen nicht festlegen, sondern ihnen neue Wege eröffnen. Paulus verliert sich nicht in belanglosen Worten.

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ Dieser Satz ist auch heute nicht belanglos. Er kann zum Anker werden – für unseren Glauben, für unsere Gespräche und für unser Zusammenleben. Vielleicht wäre das ein guter Anfang: dass wir unseren Worten wieder mehr Gewicht geben. Und dass in ihnen etwas von jener Freiheit spürbar wird, zu der Christus uns berufen hat.